Taiji - Begriff aus der chinesischen Philosophie

太 {tài}  1.  allzu, äußerst, übermäßig, zu sehr (Adj)  2.  ältest, ranghöchster (Adj)  3.  höchst, allergrößt (Adj)  4.  sehr, außerordentlich (Adj)  5.  Tai (Eig, Fam)
極 (vereinfacht 极) {jí} 1.  Gipfel, Extrem  (S)  2.  Pol  (S)  3.  extrem; äußerst   (Adv)  4.  auf die Spitze treiben  (V)

Taiji

Ein Großteil dessen, was wir zum Taiji erklären können, haben wir schon im oberen Bereich, bei der Erklärung zum Wuji, erarbeitet. Im Detail finden wir weitere Erklärungen zum Taiji auch in den Erklärungen zu Yin und Yang. Taiji ist quasi die Idealform des Zusammenspiels von Yin und Yang. Wörtlich übersetzt würde Taiji unter anderem zu folgendem Begriff führen: „größter Firstbalken“. Das ergibt aber keinen Sinn. „Taiji“ ist ein Terminus der nur als solcher Sinn macht. Der Sinn lässt sich, in Verbindung mit dem Kontext, dennoch auch aus den Schriftzeichen herleiten. Es soll soviel heißen wie höchstes Prinzip. Das Zeichen tai findet im Chinesischen Verwendung um ein Superlativ zu beschreiben. Ji wird auch als Begriff für Pol gebraucht. Wir bezeichnen Yin und Yang ja auch als Polaritäten. Verbinden wir tai und ji unter diesem Aspekt, also auch in Hinblick auf Yin und Yang, so könnten wir sagen, es ist die äußerste Darstellung der Pole oder Polaritäten; Yin und Yang in der Form einer untrennbaren Einheit.

Es verhält sich so, dass aus all dem was im Wuji angelegt ist, durch dieses höchste Prinzip der Kontext mit unserer erfahrbaren Welt hergestellt wird. Unvoreingenommen und ohne bewusstes Ziel sind Yin und Yang eine harmonische Einheit, aus der alles Weitere hervorgeht.

Taiji - Darstellung von Yin und YangDas Bild, das wir heute als Symbol für das Taiji kennen, hat sich entwickelt. Aus ersten, einfachen Darstellungen von schwarzen und weißen Flächen (siehe auch das Bild zum Taijitu im Beitrag über das Wuji) hat sich die fließende Darstellung der beiden Qualitäten (Yin und Yang – Schwarz und Weiß) in Form der beiden Flächen entwickelt. Diese Entwicklung ist für das Verständnis des Taiji von großer Bedeutung. Bei genauerer Betrachtung des Symbols erkennen wir, dass Yin und Yang, die beiden Polaritäten in ihrer Gänze dargestellt sind. Es besteht keine Lücke, kein Fehlen. Beide Seiten haben ein Tiefstes, bzw. Höchstes und ein Kleinstes, bzw. Größtes. Die beiden Punkte in diesem Symbol stellen jeweils einen Keim dar. So ist in der größten Ausprägung des Yin, dem schwarzen Bereich, bereits der Keim für das Yang enthalten. Im Bereich des Yang, dem weißen Bereich, verhält es sich ebenso. Die beiden Polaritäten stehen also nicht einfach getrennt nebeneinander, sondern sind miteinander verbunden. Diese Verbindung soll auch ausdrücken, dass sie voneinander abhängig sind – eins im anderen enthalten ist – eins aus dem anderen hervor geht.

Ideal eines Wirkprinzips

In meinem Verständnis zusammengefasst vermittelt das Bild des Taiji noch keine konkrete Sache sondern das Ideal eines Wirkprinzips, das die eigentlichen Kräfte Yin und Yang vereint. Bezogen auf die Idee, dass das der Ursprung allen Lebens ist, gibt es kein Leben, wenn Yin und Yang nicht gemeinsam vorhanden sind. Alle Bewegung, alle Handlung basiert auf diesem Modell. Wenn wir uns die beiden Polaritäten Yin und Yang ansehen, können wir auch unser Verständnis über das Taiji weiter vertiefen.

Monade

Die beiden Flächen des Taiji werden oft auch als Monaden bezeichnet. Der Begriff Monade (Monas) geht zurück auf die abendländischen Philosophie der Antike. Ab diesem Zeitpunkt wurde immer  wieder an und mit diesem Begriff gearbeitet. Vereinfacht könnte man sagen, eine Monade ist der kleinste Teil aus dem sich etwas zusammensetzt. Sie lässt sich nicht mehr trennen. Dabei kann es aber verschiedene Monaden geben. Insbesondere der Deutsche Denker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) gründete seine Metaphysik auf dem Begriff der Monade (Monadologie, 1714). Leibniz spricht zwar bei den Monaden von Substanzen meint damit aber nicht Materie nach unserem heutigen Verständnis. Eine Monade hat keine Ausdehnung und kann nicht durchdrungen werden und dennoch ist Alles aus Ihnen gebildet. Dabei gibt es nicht unzählig verschiedene Monaden.

Die wissenschaftliche Tragweite des Leibnizschen philosophischen Systems besteht nun in der Tatsache, daß Begriffe in einer Allgemeinheit wie der der „Welt“, der Monade usw. sich nun nicht in einer nebulösen unendlichen Vielheit verflüchtigen, sondern daß es Leibniz gelingt, die unendliche Mannigfaltigkeit der Eigenschaften der Welt auf sehr wenige Eigenschaften der Monaden zu beziehen, genau auf drei Grundbegriffe: Perzeption, Appetitus und Representatio mundi. 1)Die Leibnische Monadologie aus der Sicht der modernen Naturwissenschaft, Gerd Laßner, 1998

Auch wenn es sehr spannend ist den Gedanken Leibniz zu folgen, will ich an dieser Stelle nicht tiefer einsteigen. Eines soll ader noch erwähnt werden. Auch der Aspekt der Veränderung und Bewegung spielte für Leibniz eine große Rolle.

In der Leibnizschen Monadologie sind die Bewegung und die Kräfte voll in die Monaden hinein geholt. Die mechanischen Bewegungen sind selbst in komplizierter Weise eine Folge der Zustandsänderungen der Monaden. Die Kräfte existieren nicht neben den Monaden, sondern gehören zur Welt der Monaden, etwa so wie in der Elementarteilchenphysik die Kraftfelder selbst ihre Quanten haben. Z. B. werden elektromagnetische Kräfte zwischen den Protonen und Elektronen durch die elektromagnetischen Felder „vermittelt“ und die Quanten des elektromagnetischen Feldes sind die Photonen, also ihrerseits Elementarteilchen. Die inneren Kräfte, die inneren Bewegungen sind in die Zustandsänderungen der Monaden akkumuliert. So formuliert Leibniz ganz nüchtern in Punkt 15. der Monadologie:
„15. Die Tätigkeit des inneren Prinzips, das die Veränderung oder den Übergang von einer Perzeption zu einer anderen bewirkt, kann als S t r e b e n bezeichnet werden. …“
Die Monaden sind also nicht tot. Sie haben eine innere Dynamik, eine Veränderlichkeit, ein Streben nach Veränderung. 2)Die Leibnische Monadologie aus der Sicht der modernen Naturwissenschaft, Gerd Laßner, 1998

Das Weltverständnis, wie es sich aus der chinesischen Anschauung über die Epochen hinweg entwickelt hat, ist uns relativ bekannt. Es ist aber auch spannend zu ergründen was von den Denkern unseres Kulturkreises hervorgebracht wurde. Ob der Tatsache, dass die Welt in China keine andere ist wie hier, ist es nicht verwunderlich, dass ähnliche Fragen deren Denken bewegt haben.

 

Fußnoten   [ + ]